Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Sankt Bürokratius und das Rattengift (Teil 2)

with 10 comments

Frau Wirges hat saumäßig schlechte Venen. Eigentlich fast gar keine Venen mehr. Das ist nicht ihre Schuld, aber es macht sie im Krankenhaus leider ziemlich unbeliebt. Denn wer ins Krankenhaus geht, der muss sich pieksen lassen, und wer das Pech hat, an einer Tachyarrhythmia Absoluta mit Vorhofflimmern zu leiden und deswegen mit Marcumar behandelt wird, muss sich besonders oft pieksen lassen. Normalerweise machen das zwar die Schwestern, aber wenn die es nicht schaffen, muss der Herr Doktor ran. Blut und Wasser habe ich geschwitzt, jedes Mal, wenn Frau Wirges wieder fällig war.
Letztendlich habe ich es meistens geschafft, manchmal schon nach drei, ab und zu aber erst nach sieben Versuchen. Manchmal hatte ich Glück und habe an einem ihrer Arme ein kleines Äderchen gefunden, manchmal auch am Fuß und ein paarmal habe ich das Blut aus der Leistenvene abgenommen, was für die Patientin extrem unangenehm und auf Dauer auch nicht ungefährlich ist.
Einmal habe ich nach dem fünften Mal aufgegeben und Kalle um Hilfe gebeten, aber selbst der hat drei Versuche gebraucht.
„Ist das wirklich notwendig?“ fragt Frau Wirges.
Ich senke den Blick.
„Leider…“
„Wie lange noch?“
„Im Grunde… also…“
Eigentlich lebenslang. Wobei es später reicht, alle drei oder vier Wochen einmal Blut abzunehmen. Aber immerhin…
„Ich hätte da eine Idee!“ sagt Kalle.

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Written by medizynicus

9. Januar 2011 um 05:31

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

10 Antworten

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  1. Und diese Idee will die Kasse nun nicht zahlen weil im Brief die Notwendigkeit nicht klar drinsteht?

    Blogolade

    9. Januar 2011 at 06:47

  2. Bei meinem Vater war das letztes Jahr so ne Quälerei und der hat nun wirklich nicht die schlechtesten Venen.
    Es gibt doch inzwischen Messgeräte ähnlich denen für den Blutzucker…ich frag mich, warum man sowas nicht auch im Krankenhaus nutzt.

    Squirrel

    9. Januar 2011 at 10:18

  3. Der Port meiner Mutter eignet sich jetzt nach paar Jahren leider nicht mehr zum Blut abnehmen, obwohl er immer schön gespült wurde.

    Rein spritzen kann man zwar aber raus geht nichts mehr.

    Ist also leider auch keine Universallösung…

    stachel

    9. Januar 2011 at 11:41

  4. Die arme Seele. Ich fühle mit, denn ich scheine auch nur mit einer Vene auf die Welt gekommen zu sein.

    Hast du mal wieder etwas von der Heldin im Chaos gehört? Ich vermisse ihren Blog echt sehr. Mandy

  5. Oh, diese Cliffhanger immer ….

    ednong

    9. Januar 2011 at 17:01

  6. …ZVK legen ?

    Igor

    9. Januar 2011 at 22:48

  7. Die Messgeräte gibt es. Das Messen des INR geht genau so vonstatten wie das Blutzuckermessen. Blöd nur, dass die Geräte ein Schweinegeld kosten. Eine Schulung muss auch absolviert werden.
    Manche Hausärzte sehen es auch gar nicht gern, wenn ihnen durch diese Geräte eine Einnahmequelle verloren geht. Ein Arzt sagte mir mal, als ich ihn nach so einem Gerät fragte, die Leute würden ihm dann zu selbstständig!
    Mir wurde das Messgerät samt Schulung ganz problemlos nach einer Herzklappen-OP direkt vom Krankenhaus „verschrieben“.
    So ganz schlechte Venen, wie bei Oma W., sind übrigens auch ein Verschreibungsgrund! Wenn der Arzt unbedingt die „Kontrolle“ behalten will, kann die gute Frau ja ihren Wert selbst messen, den telefonisch durchgeben und der Herr Doktor kann die Marcumar-Dosis festlegen, wenn er das der alten Frau nimmer zutraut.

    Pu der Zucker

    10. Januar 2011 at 12:24

  8. @ Pu der Zucker, selten so eine dämlich Begründung eines Arztes gehört! Die Wahrheit ist: Die Geräte gibt’s (wie auch die Zuckergeräte) inzwischen üblicherweise umsonst. Verdienen tun die Firmen an den exorbitanten Meßstreifenpreisen: 1 Streifen kostet 4,15 €, während der Arzt ca. 0,15 € für die gesamte Messung (Blut abnehmen, einschicken,auswerten und dem Patienten verklickern) bekommt! Und diese Preise muss der Arzt (Wirtschaftlichkeitsgebot!) der Kasse plausibel machen oder an anderer Stelle (= anderen Patienten) einsparen.

    Ich habe ca. 70 Marcumarpatienten. Das sind bei monatlicher Messung 3x70x0,15 glatte 31,50 €. Würde ich das – die meisten meiner alten Patienten könnten das gar nicht selbst, da müsste dann auch noch der Pflegedienst, logischerweise mit Hausbesuch, ran – über den Coagucheck machen, kostete das 871,50 €. Und dann kämewn noch dutzende Fehlmessungen, ach ja und Onkel Matthias und Klein-Kevin-Justin wollten auch nochmal, wo’s bei der Oma doch immer so interessant ist ….

    Im Übrigen hatte ich bereits 3 Patienten, die von Klinikseite (die bekommen da wohl Vermittlungsgebühr, z.B. Weihnachtsfeiereinladungen oder ähnliches) solche Geräte ausgehändigt bekommen hatten: alle drei waren nicht eingewiesen (was das mindeste ist, bei so einem Gerät): das durfte ich dann „für Gottes Lohn“ machen. Außerdem kamen 2 (obwohl jung und hinreichend intelligent) damit nicht klar. Einer hat’s aufgegeben und pilgert wieder schön brav in die Praxis, der andere ist an der 3.Thrombose verstorben, die mit der richtigen Marcumar-Einstellung ja eigentlich verhindert werden sollte!

    der Landarsch

    10. Januar 2011 at 14:55

  9. @der Landarsch,
    mir wurde damals (vor ca. 5 Jahren) sowohl in der Klinik als auch bei der Schulung und in der AHB gesagt, die Kosten Arzt/Testgerät seien in etwa gleich hoch. Da ich mich in der ärztlichen Gebührenordnung nicht gut auskenne, musste ich das, was mir da erzählt wurde, glauben.
    Ich messe normalerweise alle zwei Wochen. Meine Werte sind relativ stabil, aber ich passe die Dosis auch recht penibel mit Vierteln an, wenn es sein muss.
    Die Einweisung bzw. Schulung durch eine dafür „besonders qualifizierte Stelle“ musste damals schriftlich nachgewiesen werden, sonst hätte ich das Testgerät gar nicht ausgehändigt bekommen. Die praktische Einweisung erhielt ich bereits auf der Intensivstation, die theoretische dann ein paar Tage später. In der AHB, wo solche Schulungen auch angeboten wurden, hätte eine solche volle zwei Tage gedauert.
    Gut, ich kann natürlich nur für mich selbst sprechen: Ich habe Messung, Interpretation und Dosierung gut im Griff, ich weiß über Komplikationen durch Ernährung und Infektionen Bescheid. In all den Jahren hatte ich zwei Fehlmessungen. Aber dafür muss man sich mit der Materie auch ein wenig beschäftigen, so als Patient.
    Und würde Onkel Matthias an mein Testgerät gehen, dann würde ich ihn mit meiner Stechhilfe derart traktieren, dass nicht mal Klein-Justin-Kevin-Menowin ihn wiedererkennen würde!

    Pu der Zucker

    10. Januar 2011 at 20:35

  10. Pu der Zucker, wenn ein Patient (so wie offensichtlich wohl Du) richtig eingewiesen wird und das auch begreifen und umsetzen kann, ist dagegen medizinisch nichts zu einzuwenden.

    Dass die Unikliniken – auf Einflüsterung der Herstellerfirmen – glauben, in der ambulanten Medizin würde dafür mehr als 4,15 € bezahlt, zeigt ihre hochwissenschaftsinduzierte Weltfremdheit (man könnte es auch zweckorientierte professorale Gutgläubigkeit nennen).

    Korrektur zur Aussage „Quick beim Arzt bringt 15 Cent“:

    Quick-Bestimmung nach GOÄ (Privat) Z 3530 = 8,04 €, nach EBM (Kassenpatienten) GOP 32113 = 15,96 Pkt = ca. 0,60€, wobei das auch noch einer Abstaffelung bei Mengenüberschreitung (= Nichtbezahlen von Leistungen, die über eine gewisse vorgegebene Insgesamt-Höchstmenge hinausgehen) unterliegt. Material und Ergebnis-Besprechung/ Dosierungsanpassung sind in beiden enthalten!

    der Landarsch

    11. Januar 2011 at 10:12


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