Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Whistleblowing – oder: wer bläst die Pfeife?

with 6 comments

Petzen ist böse, das lernt man schon im Kindergarten: Wenn der Kevin dem Justin im Sandkasten die Schaufel über den Kopf haut, und der Marvin sieht das, dann soll der Marvin am besten ganz feste die Augen zumachen und das Maul halten. Nicht, weil er sonst selbst vielleicht vom Kevin vermöbelt werden könnte, sondern weil sich das einfach so gehört.
Und wenn sie dann alle etwas älter sind, dann schubst der Kevin den Justin vielleicht vor die S-Bahn oder schiebt ihm ein Messer zwischen die Rippen und der Marvin schaut zu und sagt nichts, weil man seine Kumpels nicht verpfeift.
So ist das halt, das hat man schließlich so gelernt.
Wenn der Marvin doch das Maul aufreißt, dann nennt sich as Zivilcourage. Und ist Zivilcourage erwünscht?
Anders gefragt: Wenn Opa Schimbulski ständig die Polizei holt weil die Jugendlichen auf seiner Straße mal wieder zwei Dezibel zu laut sind, ist das auch Zivilcourage? Wo ist die Grenze?
Auch im Gesundheitswesen gibt’s eine Menge Kevins und Justins. Es gibt Justins, welche übermüdet nach einem Vierundzwanzigstundendienst weiterarbeiten obwohl sie hundemüde und eigentlich nicht mehr zurechnungsfähig sind und natürlich ist die ganze Sache illegal, aber man will ja seinen Job nicht verlieren. Es gibt Kevins, welche in ihrer Eigenschaft als Chef- oder Oberärzte eine Menge Mist verzapfen, Behandlungsfehler noch und nöcher und dann auch noch ihr Personal schikanieren… aber von ihren Vorgesetzten gedeckt werden, weil…. Es gibt Krankenhausverwaltungen, die im Sparwahn die hirnrissigsten Vorgaben machen und trotzdem Jahrzehntelang damit durchkommen.
Ob eine gezielte Indiskretion hier und dort vielelicht Wunder wirken könnte?
Nee, sowas macht man einfach nicht!

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Written by medizynicus

10. Januar 2011 um 05:20

6 Antworten

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  1. Ist alles eine Definitionsfrage. Mißstände aufdecken nenne ich nicht petzen. Und Indiskretion ist das erst recht nicht.
    Durch Schweigen verbündet man sich ja mit den „Tätern“.

    Sanna

    10. Januar 2011 at 05:30

  2. Für mich ist die Unterscheidung einfach. Könnte jemand zu Schaden kommen, ist petzen angesagt.

    Wenn Du es noch nicht an die ganz große Glocke hängen willst, versuch es mal mit dem Betriebsrat. Da hast Du gute Chancen, dass das Problem gelöst werden kann.

    Marzipankartoffel

    10. Januar 2011 at 06:54

  3. Eindeutig ist es angebracht, wenn es um Menschenleben geht.

    Der Maskierte

    10. Januar 2011 at 08:35

  4. So eine Grenze findet sich u.a. im Gesetz:
    „Als Gehilfe wird bestraft, wer vorsätzlich einem anderen zu dessen vorsätzlich begangener rechtswidrigen Tat Hilfe geleistet hat.“ (§27IStGB)Hilfeleisten = Jeder Tatbeitrag, der die Haupttat ermöglicht oder erleichtert oder die vom Haupttäter begangene Rechtsgutsverletzung verstärkt. Dazu zählt auch das wohlwollende Dulden.

    Im „Kindergartenbeispiel“ liegt ja, aufgrund des Alters der Kinder, schon keine vorsätzlich begangene rechtswidrige Tat vor.
    Im „Motzeopabeispiel“ ebenfalls nicht, die Jugendlichen begehen allenfalls eine Ordnungswidrigkeit.
    Bei den übermüdeten Ärzten sieht es wohl etwas anders aus. Es stellt sich nur die Frage, wie lange man das mit ansehen – ggf mitmachen – kann, bevor man sich nicht mehr traut etwas zu sagen, aus Angst sich selbst zu belasten.
    Bei dem „S-Bahn-Beispiel“ versteht sich das ja von selbst.

    Für mich fängt Zivilcourage dort an, wo ich nicht mehr wegschauen kann ohne mich strafbar zu machen und endet dort, wo ich mich in eine fremde Privatangelegenheit einmische. Oder anders gesagt: Ich würde als Ausgangspunkt die eigene Betroffenheit und die Perspektive des unmittelbar Betroffenen nehmen.

    Ich hoffe Sie verzeihen die Länge des Kommentars. Für mich ist es ein rotes Tuch, dass manche glauben Zivilcourage wäre, der Ethik gleich, Definitionssache. Was jetzt wiederum nicht heißen soll, dass ich das von Ihnen denke, den Artikel verstehe ich da eher als Gedankenanstoß.

    fishly

    10. Januar 2011 at 09:32

  5. WTF soll man jemandem den Rücken decken, der einen nach Strich und Faden verscheissert? Wir leben in einer Zeit in der man an jeder Ecke einen Job als Arzt bekommt, jeder Chefarzt oder Verwaltungsdepp, der das nicht begreift muss bestraft werden und zwar so dass es weh tut.

    Patrick

    10. Januar 2011 at 17:38

  6. Die Menschen lieben den Verrat, aber nicht den Verräter.

    Wenn man Missstände mitbekommt, sollte man sich fragen: Wäre es mir als Außenstehender wichtig, von diesen Missständen zu erfahren?

    Wenn man diese Frage mit ja beantwortet, sollte man auch dafür sorgen, dass die Sache bekannt wird. Wegen der oben genannten Weisheit, sollte man dies aber immer nur anonym machen. Ich kann mich zumindest an keinen einzigen Fall erinnern, in dem ein Whistleblower, der nicht-anonym gehandelt hat, aus der Sache besonders gut herausgekommen wäre.

    Sebastian

    17. Januar 2011 at 02:16


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