Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Countdown zum Wochenende

with 2 comments

  • O7:00 Uhr: Freitagmorgen. Ein goldener Herbsttag dämmert über Bad Dingenskirchen herauf. Und das Wochendende ist nur noch wenige Stunden entfernt.
  • 07:30 Uhr: Alles völlig easy angehen lassen, heute. Erstmal gemütlich nen Kaffee schlabbern, dann frühstücken, dann ein bißchen Visite machen, Internetsurfen… bloß nicht stressen lassen!
  • 12:00 Uhr: Mittagspause. Das Wochenende ist in greifbarer Nähe!
  • 13:00 Uhr: Noch zwei Entlassbriefe schreiben, dann ein paar Befunde durchschauen, und dann…
  • 13:30 Uhr: Befunde durchgeschaut. Scheiße! Herr Meier hat eine Megahammerfiesofrieselose. Muss Oberarzt Bescheid sagen. Der verspricht, sofort raufzukommen.
  • 14:30 Uhr: Entlassbriefe geschrieben. Warten auf Oberarzt wegen Megahammerfiesofrieselose von Herrn Meier.
  • 14:31 Uhr: Anruf von der Notaufnahme: Kannste mal runterkommen und ein bißchen helfen, hier ist gerade die Hölle los. Mach ich doch gerne…. grrrrr…. bin ja nicht so…. nee, wirklich nicht, wenn Ihr zu blöd seid, da unten alleine zurecht zu kommen!
  • 15:30 Uhr: Anruf Oberarzt wegen Megahammerfiesofrieselose von Herrn Meier. Reden Sie mal mit dem Chef!
  • 15:45 Uhr: Chef erreicht! Ja, da brauchen wir unbedingt eine Hrrxonographie! Regeln Sie das mal, und klären Sie den Patienten auf!
  • 15:59 Uhr: Mit Patienten gesprochen. Oberarzt will unbedingt heute noch Hrrxonographie. Mit Hrrxonographieabteilung gesprochen, die sind nicht begeistert. Haben Sie denn das Brxkrrxxx-Labor abgenommen? Haben wir! Werte normal. Ist der Patient aufgeklärt und hat er unterschrieben? Ja, hat er. Also gut… aber er muss um sechzehn Uhr unten in der Hrrxonographie-Abteilung sein!
  • 16:01 Uhr: Auftritt Schwester: Herr Meier hat doch einen Betreuer! Betreuer angerufen. Geht keiner dran. Handynummer ausprobiert. Ebenfalls Fehlanzeige. Hrrxonographie-Abteilung informiert. Nee, dann können wir das heute nicht mehr machen. Rückruf von Angehörigen: Wir kommen heute Nachmittag vorbei!
  • 16:30 Uhr: Auftritt Oberarzt. Haben Sie mit dem Chef gesprochen? Habe ich! Und wo ich schonmal hier bin: Können wir doch gleich eine kurze Kurvenvisite machen…
  • 17:00 Uhr: Oberarzt bestimmt: Frau Schute, Herr Knösebeck und Frau Siebenschröter gehen heute noch heim! Redense mal mit den Angehörigen, und dann machen Sie die Entlassungsbriefe fertig! Alles klar, Herr Oberarzt.
  • 17:30 Uhr: Auftritt Schwester: Was ist denn eigentlich mit Frau Fieselfrnk? Wer ist Frau Frieselfink? Der Zugang von Zimmer neunzehn! Wieso weiß ich noch nichts davon? Weil sie gerade erst gekommen ist. Muss übrigens noch aufgenommen werden!
  • 18:15 Uhr: Endlich fertig. Still und heimlich ins Arztzimmer verzupft, Zivilkleidung angelegt. Über Bad Dingenskirchen dämmert ein goldener Herbstabend.
  • 18:30 Uhr: Auftritt Schwester: Die Angehörigen von Herrn Meier sind da! Wer bitte? Herr Meier, der mit der Megahammerfiesofrieselose! Wenn die nicht die Hrrxonographie-Aufklärung unterschreiben, dann… schon gut!
  • 19:00 Uhr: Gespräch beendet. Während ich das Haus durch den Hintereingang verlasse, sehe ich vorne schon einen weiteren Krankenwagen seine Fracht entladen
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Written by medizynicus

21. Oktober 2011 um 22:53

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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2 Antworten

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  1. Hört sich nach einem erholsamen und tiefenentspannenden Arbeitstag an 😉

    *noch so ein Spammer*

    22. Oktober 2011 at 09:41

  2. Ich weiss ja nicht ob Du hier Deinen realen Alltag schilderst oder einen fiktiven, der aber wahrscheinlich dem von tausenden Internisten in Deutschland entspricht, also egal… wie zum Geier kann man so arbeiten? Warum lässt man so was mit sich machen? Warum zeigt man so einem Oberarzt (dem um 17.00h) nicht den Stinkefinger, sagt „mach Deinen Scheiss alleine“ und macht Wochenende… ich verstehe es einfach nicht. Jammern tun alle, aber keiner ist bereit sich zu wehren und unbequem zu werden oder aber die letzte Konsequenz zu ziehen und sich zu verpissen… ich kapier’s einfach nicht…

    Patrick

    22. Oktober 2011 at 13:59


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