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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Verliebt im Krankenhaus – oder: Wie ist das denn so, wenn man eine Kollegin ganz doll lieb hat?

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Letztens hat mal wieder jemand diesen Uralt-Artikel ausgegraben und will wissen, wie das denn nun wirklich ist, mit den Bienchen und den Blümchen… also, ob man denn… im Krankenhaus…. und so. Ja, und da habe ich mir gedacht, da ich hier schon lange nichts mehr geschrieben habe, antworte ich mal so gut es geht. Eigentlich ist die Antwort ziemlich kurz:
Liebe zwischen Arzt und Patientin – absolutes No-Go. Also: Nein, Nein und nochmals Nein!
Damit war die Fragerin natürlich nicht zufrieden, und so bohrte sie nach: Wie ist das denn, wenn ein Arzt mit der feschen Kollegin… oder der hübschen Schwester…? Und wenn man auf der selben Station arbeitet? Kommt doch sicher vor, oder?

Liebe Fragerin,
Natürlich kommt das vor.
Und ich versuche mal, die Frage so gut es geht zu beantworten.
Nur Eines vorweg: Erstens gibt es keine allgemeingültigen Regeln und zweitens bin ich ganz bestimmt alles andere als ein großer Profi-Aufreißer.
Ehrlich gesagt, bin ich eher ein ziemlich braves Gegenteil… aber… aber, was wäre jetzt, wenn….?
Nehmen wir also an… Weihnachtsfeier… oder, der momentanen Jahreszeit angepasst: Sommerfest. Gutes Wetter, gute Stimmung, gutes Essen, ein paar Gläser Wein… es wird geflirtet und ich stelle fest, dass die Schwester Jenny doch eine ganz Süße ist (das wusste ich, ehrlich gesagt, auch vorher schon – Jenny kommt ja hier im Blog ziemlich häufig vor)…. und sie denkt so etwas Ähnliches über mich. Es wird später, die Party neigt sich dem Ende zu und ich biete der Jenny an, sie nach Hause zu bringen… wir fahren also mit meinem schicken Cabrio los, und dann stehen wir vor ihrer Haustür und da fällt dann der berühmte, bedeutungschwere Satz: „Kommste noch mit rauf?“
Ja.
Also.
Nochmal zurückspulen: Was gar nicht, in gar keinem Fall, nie, niemals geht: auf der Party herumzuknutschen. Das würde ich auch von anderen nicht tolerieren. Geht einfach nicht. Gehört sich nicht. Wir sind ja schließlich keine Siebzehn mehr (und ehrlich gesagt, hab ich sowas auch mit Siebzehn nicht gemacht…. das war aber wohl eher Mangel an Gelegenheit).
Aber jetzt: Vor Jennys Haustür. Wenn Jenny minderjährig ist oder noch in der Ausbildung, dann liefere ich sie mit einem verbindlichen Händedruck vor der Türe ab und fertig ist. Nie, nie, niemals würde ich irgendwas anfangen – auch nicht mit einer dreißigjährigen Schwesternschülerin. Das ist ganz klar rechtlich (oder wenn nicht juristisch dann zumindest disziplinarisch) ein absolutes No-Go.
Okay, und wenn Jenny anderweitig verliebt, verlobt oder verheiratet ist? Ganz heiße Kiste… würde ich persönlich auch die Finger von lassen. Wenn schon Affäre mit einer Verheirateten, dann bitte nicht mit einer Kollegin von der selben Station. Wäre mir persönlich einfach zu kompliziert – im schlimmsten Fall macht man sich erpressbar (selbst dann wenn der Ehemann/Partner/Freund der anderen kein Profiboxer oder Mafiapate ist). Wäre aber eh nicht mein Ding.
Also gut. Nehmen wir an, Jenny ist volljährig, fertig mit der Ausbildung und entweder ärztliche Kollegin oder Pflegekraft oder Physio- oder Ergotherapeutin oder Psychologin, Sozialarbeiterin, MTA oder was weiß ich… welchen von diesen (oder anderen denkbaren) Beruf sie ausübt ist eigentlich zunächst mal egal. Wobei: entscheidend ist, ob es ein Machtgefälle gibt: Arzt und ungelernte Reinigungskraft stelle ich mir schwierig vor – ähnlich der Situation mit einer Auszubildenden, auch wenn es juristisch keine Schwierigkeiten geben dürfte. Bei Assistenzarzt und halbwegs gleichaltriger Pflegekraft sehe ich prinzipiell keine Probleme, Chefarzt und unmittelbar disziplinarisch „untergebener“ Assistenzärztin stelle ich mir problematisch vor. Der Chefarzt macht sich im schlimmsten Fall erpressbar – immerhin erwartet sie von ihm ja ein Zeugnis. Gilt übrigens auch für Pflege-Chef(in) und einfacher Pflegekraft (m/w). Oberarzt (m/w) und Assistenzärztin (m/w) ist nicht ganz so problematisch, aber auch heikel.
Okay. Angenommen ich bin ein attraktiver Arzt, Mitte/Ende Dreißig und die Jenny ist eine attraktive Frau in meinem Alter. Oder vielleicht bin ich auch ein Oberarzt jenseits der Vierzig und die Jenny eine wahnsinnig attraktive Frau Mitte/Ende Zwanzig. Wir sitzen also in meinem Cabrio auf der Straße vor Jennys Haustür.
Und mal angenommen, ich komme dann wirklich mit rauf.
Was passiert dann?
Nehmen wir an, es passiert was.
Und dann?
Diskretion!
Absolute Diskretion ist Ehrensache. Sollte es sein.
Privatleben ist privat.
Das Ganze geht schließlich zunächst einmal genau zwei Personen etwas an und niemanden sonst (wir nehmen an, beide sind nicht anderweitig gebunden). Und beide Personen müssen sich zunächst einmal selbst darüber klar werden, was sie voneinander wollen. Mir wäre wichtig – das auch vorher klarzustellen – soviel Vertrauen zueinander muss sein, dass man das Ganze nicht gleich am nächsten Morgen brühwarm der besten Freundin (oder dem besten Freund) erzählt der es dann weiterträgt… Wenn das Ganze den Status einer Affäre hat, dann wäre es mir wichtig, auch dauerhaft diskret damit umzugehen. Wobei der Arzt bzw. der Sozial Höhergestellte mehr zu verlieren hat als die Pflegekraft bzw. die sozial niedriger stehende Person. Wenn der Chef das nämlich rauskriegt… wer weiß, was passiert? Wäre ich Chef und würde so etwas rauskriegen – ich würde die beiden direkt (unter 6 Augen) drauf ansprechen und dann versuchen, wenn möglich, beide in unterschiedlichen Abteilungen arbeiten zu lassen.
Anyway… irgendwann einmal wird es vermutlich Gerüchte und Gerede geben… und dann?
Ich verweigere weiterhin standhaft jeden Kommentar und weise darauf hin, dass mein Privatleben privat ist, Punkt. Siehe oben.
In diesem Zusammenhang ganz wichtig: Im Dienst geht man selbstverständlich weiterhi ganz korrekt und kollegial miteiander um. Die andere Person wird weder bevorzugt noch benachteiligt. Situationen, in denen man während der Arbeit zu zweit alleine ist, werden unbedingt vermieden, der Gerüchte wegen und um sich nicht angreifbar zu machen. Eine heimliche Nummer in der Wäschekammer oder im Heizungskeller? Nee, is nicht. Nicht mit mir. Dazu ist mir mein Job zu wichtig. Schließlich wird man fürs Arbeiten bezahlt und nicht fürs……
Also gut.
Nehmen wir an, die Jenny ist wirklich die absolute Traumfrau meines Lebens – und sie sieht das genauso.
Dann würde ich es irgendwann mal „offiziell“ machen. Und zwar am besten so, dass wir gemeinsam zum Chef gehen. Oder – falls ich der Chef bin – die Sache irgendwann mal irgendwie offiziell kundgebe (in was für einer Form? ich war noch nie in der Situation… muss man kreativ sein). Vorher würde ich allerdings mit meinem Anwalt sprechen.
Und wenn die Sache dann „offiziell“ ist?
Idealerweise sollte man, wenn möglich, den Arbeitsalltag so gestalten, dass man nicht den ganzen Tag lang unmittelbar zusammen arbeitet (man sieht sich ja abends und in der Freizeit eh oft genug und will sich da ja auch noch etwas zu erzählen haben…). Also, wenn möglich in unterschiedliche Abteilungen / Stationen versetzen lassen. Wenn das nicht möglich ist: Sich der anderen Person korrekt verhalten, sie nicht bevorzugen (auch nicht benachteiligen), Situationen vermeiden wo man zu zweit alleine ist…. siehe oben.
Und: Knutschen am Arbeitsplatz geht natürlich gar nicht! Sogar Händchenhalten wäre ein Tabu. Ein diskreter Händedruck oder ein verstohlenes flüchtiges Küsschen auf die Wange… vielleicht, aber mehr auf keinen Fall.

Hoffe, dir damit geholfen zu haben, liebe Fragerin!

p.s.: Liebe Fragerin, Haste morgen Abend schon was vor?

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Written by medizynicus

8. Juli 2013 at 16:51

Guten Morgen, hier ist der Martin!

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Die honigsüße Stimme passt nicht zu seinem Eigentümer.
„Wie geht’s Dir, Benno?“ säuselt es aus dem Telefon.
„Danke, gut!“
Die eigentlich obligatorische Rückfrage verkneife ich mir denn ich kann mir schon denken, was jetzt kommt.
„Ja, hier ist der Martin.“
Für Nicht-Insider: Martin Bückling, größtes Arschloch und Kollegenschwein unter der Sonne.
Ich grummele etwas, was mit viel gutem Willen als „Guten Morgen“ durchgehen könnte. Aber mein guter Wille ist begrenzt.
„Du, Benno, ich muss Dir was sagen!“
Na, dann schieß mal los. Angesichts der Tatsache, dass es vier Minuten nach acht ist und keine Spur des leibhaftigen Martin am Stationsflurhorizont braucht man nicht viel Phantasie um zu wissen, was folgt.
„Du, ich lieg mit neununddreißig Fieber im Bett!“
Er hustet einmal demonstrativ ins Telefon und ich halte das Ding instinktiv einen halben Meter weg vom Ohr, man weiß ja nie, wozu Martins Bazillen fähig sind.
„Und?“
Es folgt ein kolossaler Niesser.
„Kannst Du’s dem Chef weitersagen?“
Ich muss mich zwingen, nicht der Versuchung zu erliegen, das nicht zu tun. Unentschuldigtes Fernbleiben vom Dienst… ist das nicht ein Abmahnungsgrund?

Written by medizynicus

4. Dezember 2012 at 12:07

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Ist Medizin spirituell?

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Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.
Ein Patient, der an einer schweren Krankheit leidet, von der er mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr genesen wird, braucht Trost dringender als blinden Aktionismus im Sinne von verzweifelten, aber im Grunde von vorne herein zum Scheitern verurteilten Heilungsversuchen.
Darüber gibt es sogar wissenschaftliche Studien, die das mehr oder weniger gut zu beweisen versuchen.
Sofern man da überhaupt irgendwas beweisen kann.
Lehrbücher, Publikationen und Fortbildungskurse über Palliativmedizin widmen der Spiritualität viel Raum.
Auf Palliativstationen sind die Seelsorger ganz selbstverständlich Teil des Teams – oder sollten es jedenfalls sein.
Nur…
…was für eine Art von Spiritualität brauchen unsere Patienten?
Was für eine Art von Spiriualität wollen sie?
Vor noch gar nicht allzu langer Zeit war die Anwesenheit von Ordensschwestern in Krankenhäusern ein alltägliches Bild.
Diese Ordensschwestern haben nicht nur in der Pflege mitgearbeitet, sondern auch mit den Patienten gebetet. Das war einfach so.
Auch heute noch sind viele Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft.
Aber mindestens ein Drittel unserer Bevölkerung sind konfessionslos… und dann gibt es mehrere Millionen Moslems… Angehörige anderer Religionen, Esoteriker….
Welche Art von Spiritualität ist heute zeitgemäß?

Written by medizynicus

20. September 2012 at 08:24

Veröffentlicht in Palliativmedizin

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Palliativmedizin ist anders: erstes Fallbeispiel

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Liebe Leute,
heute wird’s mal ein bisschen trockener und vielleicht nicht ganz so lustig wie sonst.
Wie Ihr vielleicht gemerkt habt, geht es seit einigen Tagen hier im Blog schwerpunktmäßig um die Palliativmedizin.
Heute möchte ich ein erstes Fallbispiel (oder wie wir Mediziner sagen: eine Kasuistik) vorstellen.
Der Fall stammt nicht von mir: Ich habe ihn geklaut, und zwar von Orthopädix (Tolles Blog übrigens, aber mehr dazu später).
Also, los geht’s:

Der Fall:
Eine fünfzigjährige Patientin, Raucherin, deutlich vorgealtert wirkend, wird aus einem peripheren Krankenhaus zur weiteren Diagnostik in die orthopädische / unfallchirurgische Abteilung einer großen Zentralversorgungs-Klinik verlegt.
Seit einigen Wochen hatte sie über therapieresistente Schmerzen in der linken Schulter geklagt. Es wurden mehrere Röntgenbilder und ein CT angefertigt, darauf fanden sich tumorverdächtige Befunde im Schulterblatt, im Schultergelenk und in der Leber sowie in den Nebennieren, an der Halswirbelsäule, am rechten Hüftgelenk, am rechten Oberschenkelknochen, in der Brust und am Gesäß.
Bei Aufnahme wirkt die Patientin agitiert, möchte auf keinen Fall im Krankenhaus bleiben, am liebsten möchte sie heute noch wieder heim oder, falls unbedingt notwendig, spätestens am folgenden Morgen.
Sie habe schließlich ein eigenes Geschäft und müsse sich um ihre pflegebedürftige Mutter kümmern. Außerdem habe sie Angst davor, dass ihr bei einer Chemotherapie die Haare ausfallen könnten. Ob es denn nicht so etwas wie eine „Soft-Chemo“ gebe?
Der aufnehmende Arzt bzw. PJ’ler – also Orthopaedix – ist von der Verhaltensweise der Patientin offenbar mehr als irritiert.
Wie geht es (normalerweise) weiter?
Zunächst muss die Diagnostik verfollständigt werden, um dann eine Entscheidung über Therapiemöglichkeiten treffen zu können. Hierzu ist es wichtig, herauszufinden, aus welcher Art von Zellen der Tumor besteht. Idealerweise möchte man wissen, wo der ursprüngliche Tumor herkommt. Außerdem möchte man einen Überblick über alle Metastasen gewinnen.
Aus diesem Grund muss man an (mindestens) einer Stelle eine Probe gewinnen. Geplant ist deshalb offenbar (so schreibt Orthopädix) eine Punktion der Leber. Außerdem gehört eine CT-Untersuchung von (mindestens) Schädel, Thorax und Abdomen zur üblichen Routine (bzw. es ist auch nicht unüblich, dass man den ganzen Patienten vom Scheitel bis zur Sohne einmal komplett durchs CT schiebt) sowie eine Knochenszintigraphie. Außerdem werden verschiedene Blutuntersuchungen durchgeführt. Diesen Prozess nennt man „Staging“, man möchte wissen, in welchem „Stadium“ sich der Tumor befindet, bzw. wie ausgedehnt die Erkrankung ist.
Das sollte natürlich so rasch wie möglich geschehen, kann aber ein paar Tage dauern.
Nach Abschluss des „Stagings“ wird der Patient in der Regel in einer „Tumorkonferenz“ (bzw. auf Neudeutsch: „Tumorboard“) vorgestellt.
Hier sitzen alle behandelnden Kollegen zusammen: In diesem Fall zum Beispiel Orthopäden, Internisten, Onkologen, Radiologen, Strahlentherapeuten und auch (vielleicht) Palliativmediziner.
Im Tumorboard wird entschieden, welche Behandlungsformen in Betracht kommen und – vor allem – was das Behandlungsziel ist: Kann man den Tumor prinzipiell noch operieren, also im Idealfall komplett entfernen oder doch zumindest die Tumormasse reduzieren? Ist eine Operation sinnvoll? Welche Rolle spielen Chemotherapie, Bestrahlung und ggf. Antikörper- oder Hormontherapien?
Vor allem aber geht es um eine ganz wichtige Entscheidung:
Kann man den Patienten noch „heilen“ (wir Ärzte reden von „kurativer“ Behandlung) oder geht es allein darum, die Leiden des Patienten bestmöglich zu lindern?
Im letzteren Fall muss man davon ausgehen, dass der Tumor weiter wachsen wird. Der Patient wird irgendwann einmal daran versterben. Ziel der Behandlung ist es, den Patienten bis dahin so gut wie möglich zu begleiten. Das ist es, was man unter „palliativer“ Betreuung versteht.
Wie sind die Aussichten?
Es ist davon auszugehen, dass es sich hier um ein weitest fortgeschrittenes Tumorleiden handelt.
Eine Heilung ist extrem unwahrscheinlich.
Aus diesem Grund sollte das palliativmedizinische Team so früh wie möglich eingebunden werden.
Und wie das funktioniert…
…darum geht es in der nächsten Fortsetzung.

Written by medizynicus

16. September 2012 at 12:11

Warum schreit Frau Schrumski?

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Die Luft klebt und stinkt nach einer Mischung aus Schweiß, Urin Scheiße und Desinfektionsmittel. Wir haben alle verfügbaren Fenster geöffnet und ab und zu knallt deswegen eine Tür – aber die Erleichterung ist nur minimal, und die Duftwolke kriecht unaufhaltsam weiter in Richtung Stationsküche… ungefähr so muss es in einem mittelalterlichen Pestspital gerochen haben, oder in einer tropischen Quarantänestation, wo gerade die Cholera ausgebrochen ist.
Der passende Soundtrack dazu?
Jawohl! Natürlich Frau Schrumski. Die hat sich nämlich zu allem Übel auch noch einen fiesen Magen-Darm-Keim eingefangen.
„Wo ist denn da der Knopf zum Ausschalten?“ fragt Jenny.
„Die arme Frau kann doch nichts dafür!“ sagt Kalle.
„Warum schreit die eigentlich ständig?“
„Weil sie Angst hat!“
„Angst? Ich denk, die kriegt gar nichts mehr mit!“
Kalle schüttelt den Kopf.
„Nein, sie kriegt eine Menge mit!“ sagt er.
„Aber die ist doch stockdement!“
Kalle nickt.
„Richtig. Sie ist dement. Und zwar so dement, dass sie gerade noch mitbekommt, dass in ihrem Kopf irgendwas nicht stimmt. Und das macht ihr Angst!“
„…und wenn sie deswegen wie am Spieß brüllt, dann macht das mir Angst!“
„…und diese Angst spürt Frau Schrumski. Was Du ihr sagst, versteht sie nicht. Oder sie hat es nach spätestens drei Minuten wieder vergessen. Aber wie Du es sagst, wie Du drauf bist, wenn Du in ihr Zimmer trittst, das kriegt sie sehr wohl mit!“
„Und das heißt?“
„Das heißt,“ Kall legt die Handflächen zusammen, verneigt sich leicht und lächelt wie ein Buddha, „das heißt, in der Ruhe liegt die Kraft!“
Er schiebt die noch halbvolle, kaltgewordene Krankenhauskaffeplörrentasse beiseite und steht auf.
Eine Minute später wird es tatsächlich ruhiger in Zimmer dreizehn. Wenn auch nur vorübergehend.

Written by medizynicus

7. Juni 2012 at 19:32

Die Namen der Pillen

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Herr Krawummski hat Blutdruck.
Also gut, jetzt mal langsam. Ist mir schon klar, jeder Mensch hat Blutdruck. Zumindest jeder lebende Mensch. Wer keinen Blutdruck hat, der sollte sich schleunigst mal reanimieren lassen und falls gerade kein fitter Anästhesist oder Notarzt zur Hand ist sind die Chancen hoch, dass man bald den Bestatter seines Vertrauens kontaktieren sollte. Also, die Anghörigen sollten das natürlich tun, aber darum geht es jetzt ja gar nicht.
Der Blutdruck von Herrn Krawummski ist zu hoch.
Und das berechtigt ihn, von nun an am Stammtisch und auch sonst überall mit stolzgeschwellter Stimme verkünden zu dürfen: „Isch abe Blutdruck!“
Und mich berechtigt es, ihm eine Pille dagegen aufzuschreiben.
Alles kein Problem!
„Geben wir eine halbe Ramipril!“ sage ich zu Jenny.
Ist Okay, sagt Jenny und nickt dienstbeflissen, wie sich das für eine fleißige Schwester gehört. Vielleicht sagt sie auch „geht klar!“ oder „alles in Ordnung, Doc,“ oder „machen wir doch, Chef!“, so genau habe ich da gerade nicht hingehört. Hatte wichtigeres zu tun, das Ramipril aufschreiben nämlich, eine halbe Zwanziger einmal täglich morgens.
Eine Stunde später steckt Jenny den Kopf durch meine Arztzimmertür.
„Hamwanich!“
„Wie bitte?“
„Haben wir nicht, das Ramipril!“
Das gibt’s doch nicht! Ramipril ist ein absolutes Standardmedikament, das dürfte so mindestens jeder zweite Patient hier auf Station bekommen.
Das gibt’s hier nicht?
Gibt’s doch nicht!
Kopfschüttelnd bewege stehe ich auf, folge Jenny ins Schwesternzimmer zum Medikamentenschrank und eine Sekune später habe ich eine Schachtel der gewünschten Pillen da herausgezogen.
Jenny schmollt.
„Hättste doch auch gleich sagen können, dass das Delix ist!“
„Ach, Jenny-Schatz! Du weißt doch, dass jedes Medikameent zwei Namen hat.“
„Und Ihr Doktors müsst immer den falschen verwenden!“
Den Falschen? Nee, den Richtigen!
Warum muss das Leben bloß immer so kompliziert sein?

Written by medizynicus

8. Februar 2012 at 08:15

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Paul und die Bürokraten

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Anna hat da vorhin eine Geschichte erzählt, die mir irgendwie bekannt vorkommt. Denn merkwürdigerweise hat Paul ganz etwas ähnliches erlebt.
Wir erinnern uns: Paul ist der fleißige PJ-Student, der nicht nur ein bißchen zu oft (für meinen Geschmack) mit Jenny schäkert, sondern, das muss man ihm lassen, ein ziemlicher Blitzmerker ist.
Und jetzt ist er groß und stark geworden, hat sein praktisches Jahr beendet und sich fürs Examen angemeldet.
Das heißt, er wollte sich anmelden.
Aber irgendwie gab es ein Problem.
Völlig zerknirscht tauchte er eines Tages bei uns auf.
„Die wollen mich nicht zulassen!“
„Was ist los?“
Ich stelle einen Becher dampfende Krankenhauskaffeeplörre vor seine Nase.
„Die Papiere stimmen nicht!“
„Wie bitte?“
„Ich habe zu wenig gearbeitet!“
Nun kann man Paul ja eine Menge vorwerfen – dass er sich ein bißchen zu intensiv um gewisse Schwesternschülerinnen kümmert zum Beispiel – aber dass er zu wenig gearbeitet hat, das trifft nun wirklich nicht zu. Ganz im Gegenteil. Was er mir an Arbeit abgenommen hat, das geht auf keine Kuhhaut. Wenn ich das alles hätte selbst machen müssen…. Jungejunge.
„Also, jetzt mal Butter bei die Fische, wo drückt der Schuh?“
„Es geht um die Bescheinigung von der chirurgischen Ambulanz!“
„Aha?“
„Das war zu wenig!“
„Wie? Du warst doch einen ganzen Monat lang da!“
„Genau. Das war im Februar.“
„Und was sagen eure Vorschriften? Einen Monat lang müsst Ihr in der Ambulanz verbracht haben…“
„Dreißig Tage! Dreißig Tage lang ausschließlich und ganztägig in einer ambulanten Einrichtung. So ist die Formulierung!“
„Ja, und?“
„Der Februar hat aber nur achtzundzwanzig Tage!“
Ich schüttele den Kopf.
„Gib mal her!“
Er reicht mir das vom Chef unterschriebene Zeugnis. Anfangsdatum: Erster Zwoter. Letzter Arbeitstag: Achtundzwanzigster Zwoter.
Kurzentschlossen nehme ich einen Kugelschreiber und mache aus der letzten Zwei eine Drei.
„So, jetzt warst Du sogar zwei Monate in der Ambulanz!“
„Aber das ist doch… Urkundenfälschung…“
„Nix da. Willkommen im Leben! Ich hab doch genau gesehen, dass Du dich im März oft genug in der Ambulanz herumgetrieben hast!“
Paul sagt nix.
Aber sein Examen hat er trotzdem rechtzeitig ablegen können. Und was soll ich sagen? Natürlich mit Bravour bestanden!

p.s.: natürlich ist das hier alles erstunken und erlogen und in Wirklichkeit war es ganz anders! Ich werde doch wohl nicht in aller Öffentlichkeit eine Urkundenfälschung eingestehen!

Written by medizynicus

20. Januar 2012 at 13:45