Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Ist Landflucht schlecht?

with 8 comments

Oh, das ist ja mal eine herrliche Diskussion über Landflucht und das Leben auf dem Lande!
Am gesten den Nagel auf den Kopf getroffen hat übrigens Thomas von der Abbotheke:

Die Landflucht ist nicht nur ein Problem der Mediziner. (…) Über andere infrastrukturelle Dinge wie Kultur und Bildung, Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel usw. wird schon garnicht mehr gesprochen.

Tja, Leute, so ist das also!
Landflucht ist eine Tatsache in diesem unserem Land. Aber ist das denn unbedingt schlecht?
Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ist rückläufig und wird – da sind sich die meisten Wissenschaftler einig – auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten rückläufig sein.
Der demographische Wandel macht sich auf dem Lande am meisten bemerkbar: Wirtschaftsbetriebe wandern ab, es gibt keine Arbeitsplätze mehr, wer es sich irgendwie leisten kann, wandert ab in die Stadt und übrig bleiben die Alten und Immobilen.
Aber ist das denn unbedingt schlecht?
Man klagt darüber, dass „gewachsene Kulturen“ verloren gehen.
Okay.
Von einem jungen Arzt, der eine Praxis eröffnen möchte, erwartet man, dass er „wirtschaftlich denkt“. Dazu gehört, den Standort seines Unternehmens sorgfältig zu planen. Wo also ist mit zahlungskräftiger Kundschaft zu rechnen?
Na?
Auf dem Lande bleiben die Alten und Chronisch Kranken. Die brauchen medizinische Versorgung. Und die machen Arbeit. Ist diese Klientel also für einen jungen, niederlassungswilligen Arzt, der ein hohes wirtschafliches Risiko eingeht, attraktiv?
Vielleicht.
Aber es ist mit einer hohen Einsatzbereitschaft verbunden.
Anderswo lassen sich mit geringerem Aufwand höhere Erträge erzielen.

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Written by medizynicus

28. Januar 2012 um 23:21

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

8 Antworten

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  1. Der Rest von Thomas Kommentar ist aber auch nicht uninteressant!

    Karl

    28. Januar 2012 at 23:47

  2. Ehrlich gesagt, ich kann die Landflucht voll und ganz verstehen. Gebürtig auf dem Land, wo sich Fuchs und Has‘ noch gute Nacht sagen und die nächste Bushaltestelle mal eben 15 Minuten strammen Fußmarschs entfernt war – und damit war ich noch recht gesegnet – bin ich heute froh, in einer Stadt zu wohnen. Alles was man braucht in fußläufiger Weite.

    Klar, der Hektar Land rum um die Hütte ist jetzt nicht mehr und wenn man ordentlich abfeiern will, dann muss man schon ein paar mehr Nachbarn milde stimmen, damit nicht die Rennleitung irgendwann die Party sprengt. Aber zurück aufs Land wegen der paar Vorteile wollen? Nein. Die Nachteile überwiegen.

    Ganz zu schweigen davon, dass ich für bestimmte niedergelassene Facharzttypen keine Weltreise unternehmen muss, sondern im Grunde alles vor Ort mindestens doppelt vorhanden ist. Und die Stadt ist auch noch nicht so wahnsinnig groß.

    Der Maskierte

    29. Januar 2012 at 09:00

  3. Also ich sehe die Landflucht nicht. In der ganzen Umgebung hier gibt es haufenweise Neubaugebiete, die sich stetig füllen, ich wohne selbst in einem, und immer mehr kommen aufs Land zurück, weil zum Beispiel sie einfach mal ihre Kinder auf die Straße rauslassen wollen ohne dabei Todesängste zu haben. Ich habe auch schon mal in der Stadt gewohnt und bin bei der ersten Gelengenheit wieder geflohen 😉
    Ich finde es einfach nur schade, dass es immer so dargestellt wird, dass nur Idioten aufs Land ziehen (irgendwer schrieb hier mal auf dem Blog, man könne sich auf dem Land nicht mit den Nachbarn vernünftig unterhalten, was für ein Quatsch!). Oder weil man sich die Stadt nicht leisten könnte.
    Ich bin ein bekennendes Landei und würde nie freiwillig in die Stadt ziehen.
    Und übrigens – unsere Landarztpraxis hat jetzt eine neue Ärztin. Und sie kann sich vor Arbeit nicht retten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das unrentabel ist, was da abgeht.

    Federkiel

    29. Januar 2012 at 10:33

  4. Ich gehöre auch zu denen, die jobbedingt aus der Stadt aufs Land gezogen sind. Die Nachbarschaft ist durchaus familiärer und man kennt sich besser. So gibt es z.B. manche Briefträger, die mir die Post automatisch auf die Wache bringen, wenn ich nicht zuhause bin. Das gibt es in einer größeren Stadt sicherlich nicht. Und dass hier nur noch alte Menschen wohnen kann ich auch nicht bestätigen.

    Aus Sicht des Rettungsdienstes kann ich die Landflucht der Ärzte aber durchaus bestätigen. Es werden immer weniger Ärzte. Manche Hausärzte suchen seit Jahren einen Kollegen bzw Nachfolger. Die Hausärzte haben oft gar keine Zeit mehr, raus zum Patienten zu fahren. Auch auf den ärztlichen Notdienst muss man öfter mal Stunden warten. Und ist man noch fahrtüchtig und kann selbst zur ärztlichen Notdienstzentrale fahren, ist man dann mitunter auch mal zwischen 30 und 45 Minuten unterwegs.
    Manche Notarztstandorte sind teils über 30% der Zeit abgemeldet, da kein Notarzt mehr bereit ist, dort zu fahren. Anscheinend erwägt man jetzt sogar schon, den nächstgelegenen RTH nachtflugtauglich zu machen, um u.a. die nächtliche notärztliche Versorgung auf dem Land etwas auszubessern.
    Man darf also gespannt sein, wie sich dieses Thema noch entwickelt.

    Der Krangewarefahrer

    29. Januar 2012 at 12:46

  5. Mit „Landflucht“ habe ich in der Tat den Verlust von Infrastruktur gemeint. Daß es für Häuslebauer interessant ist, sich eine Parzelle im Grünen zu suchen, habe ich natürlich auch registriert. Diese Leute wohnen aber meist nur im Dorf. Sie leben nicht dort. Sie sind auf die Infrastruktur nicht angewiesen, weil sie Autos haben und sowieso alles in der Stadt bzw. auf dem Weg zur Arbeit erledigen und weil sie es nicht anders gewohnt sind.
    Natürlich kann man ohne Bedauern den Fakt konstatieren, daß „gewachsene Kulturen“ verlorengehen. Dann ist das halt so. Wozu muß ein Kind wissen, daß man Kühe braucht, um Milch zu bekommen. Es muß ja nur den Kühlschrank aufmachen…
    Wir können hier jetzt noch 100 Argumente nennen, weshalb es für Mediziner unattraktiv ist, auf dem Lande zu praktiezieren und sie sind alle nachvollziehbar und plausibel. Ich denke, wir sollten darauf warten, daß uns der liebe Gott einen integren Bundespräsidenten schenkt und eine gerechte und kluge Bundesregierung. Die werden es dann schon schaukeln, daß wir dann alle in schicken Penthousewohnungen in der Stadt wohnen können. Dann hat sich das mit den Landärzten erledigt.

    Thomas

    30. Januar 2012 at 09:44

  6. Viel hängt von den Gemeinden ab, und ob dort die Zeichen der Zeit erkannt werden. Wir haben hier (auf dem Land) ziemlich unterschiedliche Beispiele, was die Anstrengungen um soziokulturelle Attraktivität für ALLE Bevölkerungsschichten (nicht nur die Besucher des jährlichen Seniorentanztees, der selbstverständlich auch seine Berechtigung hat) betrifft.
    Es IST möglich auch in kleine Orten kulturelle und andere Highlights zu bringen, aber dazu bedarf es eines gewissen Levels an Engagement. In unserer Gegend hat sich gezeigt, dass das zum einen fähige und engangierte Einzelpersonen im kommunlalen Bereich sein können, wenn man sie denn lässt, andererseits aber auch des geballte Engagement von Bürgern. Wenn beides fehlt, sieht es in der Tat düster aus.
    Nicht alle, aber gefühlt doch immer mehr, zugezogene Menschen, die auf dem Land WOHNEN, wollen inzwischen auch auf dem Land LEBEN. Das stimmt ein wenig hoffnungsfroher. Der Unterschied zur Stadt ist eben allerdings, dass man nicht immer alles in einem breiten Angebot zum gedankenlosen Konsum vorgesetzt bekommt, sondern sich gelegentlich um das gewünschte bemühen und sich ggf. auch mal selbst engagieren muss, was auch ein Wert für sich sein kann.
    Und nichtanonyme Nachbarschaft kann sowhl sehr positive wie auch negative Aspekte haben, beides erlebt. Meine Mutter kann nur deshalb noch allein in ihrem Haus und in dem Ort leben, wo sie noch ihre (noch überlebenden) Bekanntschaften pflegen kann, WEIL es diese Nachbarschaft gibt.
    MIR ist mittlerweile das Leben auf dem Land angenehmer.

    Karl

    30. Januar 2012 at 13:25

  7. ich denke, dass es sehr stark auf die Lebenssituation und die eigenen Bedürfnisse ankommt.
    Als Landarzt muss man (derzeit) damit leben, dass man Samstag nachmittags
    beim Rasenmähen, den mit dem hammer blutig gehauenen Daumen des Nachbarn zur Erstversorgung
    präsentiert bekommt. Und jeder Schritt wird mit Argusaugen überwacht, und entsprechend kommentiert. Privatleben sieht anders aus.
    Wenn es einem aber wichtig ist, sich in die Gemeinschaft zu integrieren und man sich dort wohlfühlt, dann ist man auf dem Land richtig.
    Und man hat die 2. und 3. Generation in der Praxis und nicht rein-raus- Medizin.
    Für alle „nicht-ärzte“ gilt das gleiche. Bin ich bereit, mich auf die ländliche Gemeinschaft einzulassen-prima.
    wird zwar nicht mit Nähe zur Kultur (Theater, Kino) belohnt, aber dafür mit „laufschuhe schnüren und ab in den Wald – ohne das auto bemühen zu müssen“
    Und es soll ja sogar Landgemeinden geben, die ganz bewusst die Kinderbetreuung ausgebaut haben, damit beide Eltern arbeiten gehen, und damit mehr Steuern zahlen können. Das ist gut für die Gemeindekasse.
    Gruss Landkrauter

    Landkrauter

    30. Januar 2012 at 13:44

  8. Hier kassiert der Arzt 23 Euro beim Besuch in der Praxis, sechs mehr für Kinder, und – meines Wissens – 35 für einen Hausbesuch, sechs mehr für Kinder.
    Seltsamerweise ist die Ärztedichte pro Einwohner in Paris und Randbezirken dreimal so hoch wie in der Provinz (dem Rest Frankreichs), obwohl dort auch die Mieten dreimal so hoch sind und die Ärzte eigentlich nicht genug Patienten haben.

    Wolfram

    11. Februar 2012 at 08:51


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