Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Postprandialer Besuch

with 8 comments

Es ist kurz vor zwei Uhr nachmittags, ich bin im postprandialen Leistungstief und beschäftige mich gerade damit, im Arztzimmer am PC… ach, tut ja nichts zur Sache, was ich da gerade mache.
Es klopft an der Tür.
„Wer stört?“
Die Tür geht einen Spalt weit auf..
„Hätten Sie einen Moment Zeit?“
Ein sorgfältig frisierter männlicher Kopf streckt sich vorsichtig ins Zimmerinnere. Der zugehörige Körper steckt in einem dunkelblauen Anzug.
„Schmidt mein Name, Firma Miraculopharm…“
„Was kann ich für Sie tun?“
„Ich würde mich gerne mit Ihnen über das neue Holladiol unterhalten…“
Ich unterdrücke ein Gähnen.
„Muss das sein?“
Ups, habe ich das jetzt wirklich gesagt?
Der Mund in dem Gesicht von Herrn Schmidt verzieht sich zu einem Lächeln.
„Im Übrigen gibt es da eine interessante Fortbildung….“
Momentmal… Fortbildung? Miraculopharm? Da war doch was! Florenz? Malediven?
„Kommenserein!“
Der Anzugträger kommt behende ins Zimmer geschwebt, streckt mir seine Hand entgegen und nimmt ungefragt auf dem einzig freien Stuhl Platz.
„Vielen Dank, dass Sie ein paar Minuten für mich übrig haben. Holladiol ist ein hoch wirksames, neuartiges Medikament…“
Karibik? Kalifornien? Mensch Junge, komm endlich zur Sache!
„…im Gegensatz zum Vorgängerprodukt bietet Holladiol erhebliche Vorteile…“
„Was lassen Sie denn springen?“
Herr Schmidt schaut mich verblüfft an.
„Machen wir uns doch nichts vor!“ sage ich und senke die Stimme, „Sie wollen das Zeug verkaufen und ich soll es verschreiben. Sparen wir uns das Drumherum und kommen wir gleich zur Sache. Ein Hunderter für jeden Patienten?“
Herr Schmidt schaut sich vorsichtig um. Dann öffnet er seinen Aktenkoffer.
„Sagen wir neunzig. Bar und ohne Quittung. Zehntausend als Vorschuss?“
Er schiebt mir ein Kuvert über den Tisch.
Dann räuspert er sich.
„Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!“
Er steht auf und geht. Gedankenverloren nehme ich den Holladiol-Hochglanzflyer in die Hand und befördere ihn in den Papierkorb. Zumindest ein paar Kugelschreiber hätte er ja dalassen können!

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Written by medizynicus

30. Januar 2012 um 17:04

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

8 Antworten

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  1. Ja, die Kugelschreiber…

    Warum die Werbestrategen der Pharma wohl glauben, deutsche Ärzte prostituierten sich für Kugelschreiben … ?

    dienstarzt

    31. Januar 2012 at 14:56

  2. Kugelschreiber sind einfach das Non-Plus-Ultra-Werbegeschenk, das immer gern gesehen ist. Oder gehören Ärzte zur einzigen Berufsgruppe, die sich nicht gegenseitig die Kugelschreiber klauen? (mal abgesehen vom Chefarzt, der den goldenen Kulli gut sichtbar in seiner Brusttasche trägt)….

    berufskomiker

    1. Februar 2012 at 09:21

  3. @dienstarzt *Warum….ärzte prostituieren sich für kugelschreiber…*
    Tja Herr dienstarzt, weil es jahrelang so war, DASS Ärzte sich, wenn nicht gerade für Kugelschreiber, dann doch für andere, kostspielige Leckerli prostiuiert haben.
    Um nicht zu sagen, dass sie sich diesbezüglich für anspruchsberechtigt hielten und dies – glaubt man der Fama – teilweise unüberhörbar deutlich formuliert haben sollen.
    Nix für ungut, aber die Welt ist schlecht.
    Gruss Landkrauter

    Landkrauter

    1. Februar 2012 at 14:12

  4. @Landkrauter: Verstehe, wenn ich für 1 Woche Golfspielen in Florida bereit bin, bevorzugt „Bringtnix-Spipha“ zu verschreiben, mach ich das natürlich auch für einen Kugelschreiber auf dem „Spipha“ steht. Das nennt man dann Konditionierung? Meine Gott, dass ich das nicht erkannt habe. Gut dass es all die medizinfernen Kommentar-Trolle gibt, die uns aufklären, wie schlecht diese Welt und ihre Ärzte wirklich sind. Merci vielmal!

    dienstarzt

    9. Februar 2012 at 12:29

  5. Ein bißchen wulffen ist das schon…..

    Croco

    9. Februar 2012 at 15:03

  6. verehrter dienstarzt. „medizinferner Troll“ Finden Sie dies von der Tonalität her nicht ein wenig über das Ziel hinausgeschossen?
    Leider ist das von mir Beschriebene beileibe nicht erfunden.
    Die entsprechenden Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaften werden im übrigen
    auch nicht alle ohne Grund eingeleitet.
    Wenn Sie mich allerdings so verstanden haben sollten, dass ich damit ALLE Ärzte gemeint habe, so
    entschuldige ich mich profundest für meine ungenaue Ausdrucksweise.
    Gruss Landkrauter

    Landkrauter

    9. Februar 2012 at 17:19

  7. Lieber Landrauter,
    Lieber Dienstarzt

    aus eigener Erfahrung, die allerdings schon ein paar Jahre alt, ist kann ich leider nur der Beobachtung von Medizynicus – ueber die ich sehr lachen musste – recht geben. Es ist leider oft so, dass mangelnder medizinischer Fortschritt ueber Marketing und Abgabeartikel verkauft wird. Und es funktioniert !!!!!
    Sie glauben es nicht wie oft die Pharmberater auf Kugelschreiber und Post its angesprochen werden.

    Die Zeiten von Golfen in Griechenland oder Tennis in Tunis sind zwar vorbei, aber die Urreflexe “ what’s in it for me“ und die entsprechenden Antworten sind tief verwurzelt und es wird Jahre brauchen diese auszumerzen?

    Nur wenn es der pharma gelingt mit medizinischen Argumenten zu ueberzeugen UND Aerezte gewillt sind diesen zuzuhoeren wird es gelingen den Ruf des schmuddigen Pharma- Medizin Komplexes abzuwerfen.

    Leider sehe ich immer noch zu wenig Konsequenz von beiden Seiten im Handeln. es wird viel geredet, aber wenn es zu Taten kommt?…….

    mit besten Gruessen
    the pharma rep

    the sales rep

    10. Februar 2012 at 20:38

  8. @Landkrauter: Nö, finde ich nicht.

    @the sales rep: Natürlich ist die Realität so wie im Post und von Dir beschrieben. Drum empfange ich auch keine Pharmaberater. Wozu? Wichtige Information finde ich in werbefreien Journals und durch Eigenrecherche schneller und in tausendmal besserer Qualität. Für eine halbe Stunde Blabla müssten ausserdem recht viele Kugelschreiber den Besitzer wechseln, um den dafür verlorenen Stundenlohn zu erreichen …

    Darüber hinaus fällt mir noch etwas anderes auf: Die Firmen suchen vermehrt die Kooperation mit Patientenhilfegruppen und spülen so eine Anspruchshaltung auf Bullshit, die ich noch viel gefährlicher finde, zurück in die Praxen.

    Dienstarzt

    12. Februar 2012 at 11:50


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