Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Eine Leiche im Keller…

with 4 comments

Feierabend. Sogar mehr als Feierabend: Wochenende, achtundvierzig Stunden Freiheit, genaugenommen sind es sogar achtundvierzig plus acht plus… Was auch immer von heute noch übrig ist… Das macht… Ist ja egal. Ich bin jetzt zu müde zum Rechnen. Und Wochenendstimmung?
Hmm.
Ich sitze bei Gepetto, draußen auf der Terrasse unter einem Regenschirm und nippe an meinem doppelten Espresso.
Eigentlich sollen das ja Sonnenschirme sein, aber von Sonne ist gerade nicht viel zu sehen, stattdessen pladdert es kuebelweise auf das Bad Dingenskirchener Marktplatzkopsteinpflaster.
es pladdere…. Und pladdert… Und pladdert und ich denke an Oma Pachulske, die vom Pladdern nichts mehr mitkriegt, weil sie nämlich bei uns im Keller liegt, genaugenommen im Kühlraum neben der Prosektur, Zelle drei.
Vor knapp zwei Stunden haben wir sie runtergebracht, habe ich sie zusammen mit Jenny aus dem Bett auf die rumpelige Metallbahre gehoben, noch ein Laken darüber, den Rest der Bettwaesche in die bereitstehende Wäschetonne gehauen, dann das Bett in die Bettenzentrale, unreine Seite und während Jenny den Schlüssel an der Pforte abgibt gehe ich langsam durchs Treppenhaus rauf auf Station…
Hätten wir noch etwas tun können? Oder hätten wir sie nicht sogar eigentlich viel eher gehen lassen sollen?
Egal. Die Angehörigen sind gegangen und gerade sehe ich Schwester Paula um die Ecke biegen mit einem abgebrannten Teelicht in der Hand.
Natürlich sind Kerzen und offene Flammen aus Brandschutz-Gründen streng verboten.

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Written by medizynicus

18. Mai 2012 um 20:42

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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4 Antworten

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  1. wahrscheinlich ist es gut, dass oma pachulske gehen konnte..
    was schlimm ist, dass sie nun im keller liegt. frueher hat man totenwache gehalten, auf der leichenfeier in Anwesenheit des Toten schmutzige witze und geschichten aus dem leben des verstorbenen erzaehlt, sich den wanst vollgehauen und gesoffen.. da war der tote noch dabei.. heute.. keller. das ist vielleicht das tragische.
    gruss landkrauter

    landkrauter

    18. Mai 2012 at 23:22

  2. Sie ist letztes Wochenende gestorben (Blogeintrag 13.5.) und sie haben sie erst jetzt runtergebracht? Oder wars dann doch Oma Schoenflies?

    Wie auch immer: Aus eigener Erfahrung mit meiner Oma, die im Krankenhaus auf der Pneumologie gestorben ist, würde ich auch sagen, dass es besser ist, die Leute gehen zu lassen.
    Bei meiner Großmutter wurde ein paar Stunden vor ihrem Tod noch ein Röntgenbild gemacht (wozu auch immer) – sie kam danach nicht so wieder, wie sie gegangen ist – der körperliche Zustand war unverändert aber sie hatte sich total verschlossen. Das anschließende Absaugen von Wasser aus der Lunge durch zwei Brutalo-Schwestern wäre auch nicht nötig gewesen: jedenfalls hat es keinerlei Verbesserung mit der Luft gebracht. Alles nur unnötige Qual. Keine Stunde später war sie tot. Und wir, als Angehörige allein mit ihr und ihrem R2D2 Sauerstoffgerät, das jetzt nicht mehr blubberte.
    Dass sie gehen würde, spürte ich schon einen Tag vorher. Aber man klammert ja doch, als unwissende Enkelin, an jedem noch so kleinen Strohhalm… Eine ehrliche Ansage wäre mir da in Zukunft lieber. Aber das ist nur mein Erleben.
    Beste Grüße,
    Wupperwasser

    wupperwasser

    19. Mai 2012 at 11:54

  3. @Wupperwasser: Nee,das war schon dieselbe Oma Pachulske. Soo viele Leute sterben bei uns nun auch wieder nicht… ich schreibe das Ganze nur auf ein paar Episoden verteilt…

    medizynicus

    19. Mai 2012 at 12:32

  4. Ah, verstehe! Ich dachte nur, weil die andere Oma ja auch so auf der Kippe stand… Vielleicht wäre eine Kennzeichnung gut – wegen der besseren Lesbarkeit? Oder erwähnen Sie die episodenhafte Erzählweise irgendwo und ich habs übersehen?
    Im übrigen mag ich ihren Blog. Egal ob gekennzeichnet oder nicht. 🙂

    wupperwasser

    19. Mai 2012 at 21:20


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