Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Selbst ist die Frau

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Wie ich schon sagte: Sarah ist seit heute endlich wieder da.
„Schön, Dich wieder zu sehen!“ sage ich, als sie mir in der Frühbesprechung über den Weg läuft.
Es ist ernst gemeint, aber sie grinst und streckt mir die Zunge raus.
„Geht’s Dir wieder gut?“
Sie nickt.
„Erzähl, was war denn los?“
Ich weiß, das ist indiskret, aber ich bemühe mich, so zu klingen als sei es nicht Neugier sondern Mitgefühl.
„Später!“ sagt sie und verschwindet auf Station.
Am Nachmittag kam ich dann – so ganz zufällig – mal bei ihr vorbei um Hallo zu sagen. Ich finde sie in der Stationsküche. Also greife ich mir einen Kaffee und setze mich mit breitem Grinsen ihr gegenüber.
„Also, erzähl! Was war los?“
„Akute Gastroenteritis.“
„Hat das Noro-Virus zugeschlagen?“
„Nee, ich würde mal sagen, die Meeresfrüchte-Pizza von Sonntag Abend war’s!“
Richtig, wir waren nach der Rückkehr vom Skiurlaub Montag Abend noch Pizza essen weil keiner Lust hatte zu kochen.
Und anschließend hatte Sarah gesagt, dass sie sich nicht so ganz wohlfühlte, aber wir alle hatten darüber gewitzelt und letztendlich war auch sie selbst fest davon überzeugt, dass ihre Übelkeit eher etwas mit Andreas’s rasantem Fahrstil zu tun gehabt hatte.
„Kaum war ich zu Hause angekommen, da ging’s los!“ berichtet sie, „Ich denke mal, Du legst keinen Wert auf die Einzelheiten…“
Muss nicht sein.
„Kannst Du Dir jedenfalls denken. Ich habe den überwiegenden Teil der Nacht auf dem Klo verbracht. Ich hatte trotzdem den Wecker gestellt, bin aufgestanden, und wollte zum Dienst kommen, aber Andreas hat mich überredet, daheim zu bleiben!“
Ich gefriere zur Eissäule. Was hat der Kerl in ihrer Wohnung zu suchen?
Sarah bemerkt das zum Glück nicht.
„…also habe ich meinen Hausarzt angerufen: Hey, ich brauche Infusionen. Er ist auch wirklich prompt gekommen und hat mir eine Infusion gelegt!“
„Echt? Zu Hause in Deiner Wohnung? Wie hast Du das denn hingekriegt?“
„Na, ich habe die Flasche an der Deckenlampe aufgehängt. Er hat mir auch noch ein zweites Infusionsbesteck und eine zweite Flasche Ringer-Lösung für den nächsten Tag dagelassen. Da war aber leider die Braunüle schon zu. Also habe ich mir selbst eine Nadel gelegt….“
„Sowas geht?“
Ich bin ja kein Weichei. Aber mir selbst…? Nee, das könnte ich nicht! Sarah hingegen ist völlig unbeeindruckt und schaut mich an, als sei dies die normalste Sache der Welt.
„Wieso nicht? Andere Leute operieren sich selbst den Blinddarm heraus!“

Written by medizynicus

19. Februar 2010 um 20:48

6 Antworten

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  1. Frauenpower. Wo ich jetzt so drüber nachdenke… ich hätte meine Achillessehne eigentlich auch selbst operieren können… Falls noch mal was ansteht assistieren sie mir dann Herr Dr. Medizynicus? 😉

    krankeschwester

    19. Februar 2010 at 20:57

  2. na, also bitte 😉 haste dir noch nie selbst Blut abgenommen? Is doch nix anderes?
    Tzzzt… die Doc`s von heute…
    Der Verdacht dich zu kennen verstärkt sich immer mehr 😛

    Petra

    19. Februar 2010 at 23:27

  3. Die Sache mit Andreas ist natürlich ein Schlag in die Magengrube…

    stef

    20. Februar 2010 at 09:38

  4. … und andere Leute spritzen sich selbst irgendwelches Zeug (Heroin plus Mischmasch …). Ich hätte auch Mühe damit. Brrrr.

    Pharmama

    20. Februar 2010 at 09:41

  5. Und was ist mit Rachel?

    Nico

    20. Februar 2010 at 19:45

  6. Ja selbst ist die Frau 😀 Find ich super! Ok die Sache mit Andreas hätte sie echt auslassen können, aber wer weiß warum sie es dir auf die Nase gebunden hat! 😉 Vielleicht um dich eifersüchtig zu machen?! Lg

    Flüge

    23. Februar 2010 at 09:15


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