Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Leih-Opas und Omas zu Ostern?

with 10 comments

Am vergangenen Mittwoch habe ich von Opa Müller berichtet, dem diesjänrigen „Osterhasen“ auf Station.
Das Thema ist ernst und leider traurig: alljährlich, nicht nur zu Ostern und Weihnachten, sondern auch zu anderen Feiertagen und natürlich auch zur Feriensaison landen eine Anzahl von älteren Menschen in Krankenhäusern, obwohl sie dort eigentlich nicht hingehören.
Zynische Kommentare in Richtung der Angehörigen helfen hier allerdings nicht weiter. Im Gegenteil: die Pflege eines alten Menschen ist Knochenarbeit und verlangt Aufopferung. Und die Pflegenden brauchen Urlaub und Zeit für sich selbst und die eigene Familie. Wer kann heutzutage verlangen, dass Kinder vor den Großeltern zurückstecken müssen?
Viele ältere Menschen sind einsam.

„Hätte ich Platz dafür, dürfte ein lieber Opa Müller gerne über Ostern zu uns kommen und mit unseren Kindern Ostereier suchen. Auch wenn er nicht blutsverwand ist“

schreibt Blogolade in einem Kommentar und ein anderer Kommentator, Jakob Kr. zitiert Gustav Heinemann:

„Den Charakter einer Gesellschaft erkennt man an ihrem Umgang mit den Alten“

Längst nicht alle einsamen alten Menschen sind dement oder pflegebedürftig, viele wären durchaus liebenswürdige Gäste und interessante Gesprächspartner. Deshalb frage ich mal an dieser Stelle: Wer von Euch würde über die Feiertage oder in der Urlaubszeit einen „Leih-Opa“ oder eine „Leih-Oma“ für begrenzte Zeit aufnehmen? Und wenn ja: gibt es irgendwo örtliche Projekte oder entsprechende Kontaktbörsen? Und falls nicht… wäre doch mal eine Idee, oder?

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Written by medizynicus

23. April 2011 um 22:43

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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10 Antworten

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  1. Ich habe ja auch über das weit verbreitete Problem der Osterhasen geblogt. Denk sogar, dass ein solches Projekt Chancen hätte. Nur wie aufziehen? Online wäre das sicher nicht ideal 😉

    retterweblog

    24. April 2011 at 00:08

  2. Im Moment, als noch-Studentin sicher nicht, aber in ein paar Jahren, mit Familie, sähe das möglicherweise anders aus. Ich finde Leih-Großelternprojekte eh sehr interessant, vor allem da meine Familie im Moment am anderen Ende des Landes wohnt…

    Alessa

    24. April 2011 at 00:30

  3. ich komme ursprünglich aus einer ziemlich ländlichen gegend und da ist es völlig normal, dass sich auch nicht-verwandte um die älteren menschen kümmern. angefangen von „mal zum essen/kaffee/plaudern einladen“ bis hin zu „gartenarbeit übernehmen“ und „einkäufe erledigen“. im gegenzug revanchieren sich die älteren im rahmen ihrer möglichkeiten – auf die kinder aufpassen z.b.

    ich denke, dass das ein ziemlich gutes system ist. die menschen können bis ins hohe alter in den häusern bleiben, in denen sie groß geworden sind, müssen nicht unbedingt ins heim, wenn sie nicht mehr alles alleine hinbekommen, bekommen ganz selbstverständlich unterstützung und vereinsamen nicht. und die familienmitglieder werden entlastet, müssen nicht alles machen und nicht permanent da sein, können auch mal zwei wochen in den urlaub fahren ohne schlechtes gewissen. auch sehr praktisch wenn man bedenkt, dass viele jüngere wegziehen und rein von der entfernung nur schwerlich jeden tag nach dem rechten schauen könnten.

    silbertraeumerin

    24. April 2011 at 07:37

  4. Doch, ich denke, das kann man schon online machen. Also, eine Seite aufziehen, wo man sich hinmelden kann bei Interesse. Man kann ja für die einzelnen Städte angeben, wieviele potentielle Gastgeber es gibt. Eine Webseite bräuchte es so oder so.
    Eine Alternative dazu, denjenigen Senioren zu sich zu holen, wäre vielleicht, daß jemand ihn oder sie in der eigenen Wohnung „betüddelt“. Also dort gekocht, gegessen und Karten gespielt wird, wo vielleicht eh eine bessere Ausstattung und Platz vorhanden ist. 😉
    So wäre die Teilnahme an solchen Projekten auch für Studenten, junge Arbeitnehmer oder kleine Familien interessant.
    Daß Senioren „Ersatzopa“ oder „Ersatzoma“ spielen, habe ich schon mal irgendwo gelesen. Dafür gibt es also schon eine Vermittlung.

    Hesting

    24. April 2011 at 11:15

  5. Generell gibts sowas ja, speziell für Kinder deren Großeltern nicht da sind, weit weg wohnen, kein Kontakt besteht usw.

    „Unser“ Kindergarten hat eine Patenschaft mit einem Altenheim im Ort, da kommen einmal die Woche ein paar Rentner und lesen vor und erzählen den Kindern, im Gegenzug basteln die Kinder für sie und erfreuen sie mit Kinderlachen.

    Nur die Leute in den Heimen sind da idR schon untergebracht, es wäre in der Tat mal interessant herauszufinden wie man speziell an „Opa Müller“ rankommt damit man sich kennenlernt und wenns passt, er in die Familie kommt und nicht ins Krankenhaus abgeschoben wird.

    Medizynicus: Pflege ist wirklich harte Arbeit und der Urlaub ist sicherlich verdient. Dennoch ist es einfach keine Art den Opa einfach so ins Krankenhaus abzuschieben. Es gibt genug Möglichkeiten einen alten Menschen nett unterzubringen. Man muss sich nur die Mühe machen. Wer Geld für eine Sommer-Sonne-Reise hat, hat auch das Geld über für die Unterbringung. Ansonsten muss man eben Abstriche beim Urlaub machen *find*

    Blogolade

    24. April 2011 at 12:22

  6. Wie haben das eigentlich andere Länder geregelt?
    Ich mein, mal abgesehen von der gesellschaftlichen ausgrenzung und der negativen Erfahrung die man hat wenn man über die Feiertage ins Krankenhaus abgeschoben wird, hat das doch auch einen wirtschaftlichen Aspekt.

    Wie macht das Holland? Gibts da auch „Ostereier“ und „Christkinder“?

    Ich merk aber grad auch selber wie anstrengend das ist, meine Großmutter wohnt vorrübergehend bei uns und die stellt nur Unfug an. 😀

    Tobi

    24. April 2011 at 13:39

  7. Wenn ich mich nicht täusche, haben pflegende Angehörige in Frankreich Anspruch auf zwei Wochen „bezahlten“ Urlaub von der Pflege im Jahr. In dieser Zeit können die Pfleglinge in die Kurzzeitpflege gegeben werden.

    Allerdings stellt sich da ein Problem, nämlich das der Kapazitäten in der Kurzzeitpflege.
    Und auch die Frage des Geldes; mehr und mehr zieht sich die öffentliche Hand nämlich aus der Subventionierung der Altenpflege und der häuslichen Pflege zurück, und da werden eben öfter mal Frauen obdachlos, weil ihr Häuschen verkauft werden muß, damit Opa im Heim bleiben kann. Oder sie nehmen Opa nach Hause, was bei Demenzkranken und Schwerstpflegebedürftigen nicht grad lustig ist…

    Wolfram

    24. April 2011 at 23:32

  8. das ist vielleicht eine möglichkeit:
    http://www.betterworld-network.org/
    ?
    lg!

    useaname

    25. April 2011 at 12:26

  9. Ich habe ja nichtmal Kontakt zu meinen eigenen, nicht dementen Großeltern.

    DD

    27. April 2011 at 14:29

  10. Es gibt Leih-Opas und -Omas für Kinder, die keine Großeltern mehr haben. Aber das sind rüstige, alte Menschen, die gerne Kinder um sich haben.
    Umgekehrt ist mir kein Projekt bekannt.
    Ich würde durchaus jemanden für ein paar Tage aufnehmen, gerade an Feiertagen ist es doch schön, wenn viele lachende Gesichter am Tisch sitzen.

    Anise

    9. Mai 2011 at 22:30


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