Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Wie man macht, dass ein Placebo wirkt

with 17 comments

„Und? Hat’s was gebracht?“ fragt Kalle.
„Was?“
„Na, das mit dem Placebo für Frau Müller!“
Ich schüttele den Kopf.
„Leider nicht. Habe ich aber auch nicht anders erwartet!“
„Warum nicht?“
„Da haben sich schon viele Kollegen die Zähne ausgebissen!“
„Aber ich noch nicht.“
„Kannst es gerne versuchen!“
Kalle klopft mir auf die Schulter.
„Genau das werde ich jetzt tun!“
Er ist schon aufgesprungen und nickt mir zu.
„Komm mit!“
Eher skeptisch folge ich ihm in den hinteren Teil des Schwesternzimmers, wo die Medikamente lagern.
„Was hast Du ihr denn gegeben?“
„Ein Placebo.“
„Das weiß ich. Was für eins?“
„Na ein Placebo halt… ich habe es einfach in die Akte geschrieben und den Schwestern gesagt, sie sollen es ihr geben.“
Kalle schaut mich tadelnd an und schüttelt den Kopf.
„Jetzt zeige ich Dir mal etwas!“
Eine Weile wuselt er in verschiedenen Schränken herum, dann hat er gefunden, was er gesucht hat: Eine Fünfhunderter Ringer-Lösung und eine Ampulle mit einer dunklen Flüssigkeit.
„Was ist das?“
„Vitamin B12“
Kalle zieht das Zeug in eine Spritze auf und gibt es in die Infusionslösung, die sich daraufhin leuchtend rot verfärbt.
„Wozu soll das gut sein?“
„Für Frau Müllers Rückenschmerzen.“
„Aha?“
„Placebos wirken am besten, wenn sie eklig aussehen und bitter schmecken. Spritzen sind stärker als Tabletten. Und Infusionen wirken noch besser als Spritzen.“
Mit Flasche, Infusionsbesteck und ensprechendem Werkzeug bewaffnet machen uns auf dem Weg zu Frau Müllers Zimmer. Kalle baut sich vor ihr auf und drückt ihre Hand.
„So, jetzt kriegen Sie etwas Gescheites!“ sagt er.
„Was denn?“
„Ein Schmerzmittel, das wirkt!“
Frau Müller runzelt die Stirn.
„Es handelt sich um eine Kombination aus Vitaminen und Wirkstoffen, die in Deutschland noch gar nicht zur Schmerzbehandlung zugelassen sind!“ erklärt Kalle geheimnisvoll, „aber in Amerika wird es im Rahmen von Forschungsprojekten eingesetzt!“
Kalle legt einen venösen Zugang und hängt die Infusion an.
„In ein paar Minuten werden Sie zunächst ein leichtes Kribbeln im Arm verspüren,“ sagt er, „oder auch ein leichtes Kältegefühl, das ist normal!“
Frau Müller schaut uns andächtig an.
Kalle nickt ihr noch einmal zu, dann verlassen wir den Raum.
„Du hast ja ziemlich dick aufgetragen!“ sage ich.
Kalle grinst.
„War aber noch nichtmal gelogen!“
Da hat er streng genommen sogar Recht.

Written by medizynicus

18. Oktober 2010 um 05:41

17 Antworten

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  1. lach… Das war wirklich eine fantasievolle Weise, der Patientin zu helfen. Und wer heilt, hat recht. Gibt es nicht so einen Spruch bei Ärzten?
    Herzliche Grüße aus Kiel,
    Svenja

    Svenja-and-the-City

    18. Oktober 2010 at 06:53

  2. Als Nichtmedizinerin sage ich nur:
    wenns würgt…ähhh wirkt 😉

    Schöne Woche und nette Patienten
    Sweetkoffie

    sweetkoffie

    18. Oktober 2010 at 07:12

  3. Und noch was gutes für die Nerven getan. Sowohl als auch.

    Der Maskierte

    18. Oktober 2010 at 09:10

  4. Das war noch nicht mal wirklich 100% gelogen, hier in der Schmerztagesklinik gibt’s auch öfters einen Vitamincocktail, der tatsächlich anschlägt. Ob das auch ein Fall von Placebowirkung ist, kann ich nicht sagen…

    lupo

    18. Oktober 2010 at 09:15

  5. Wäre das eigentlich erlaubt? Nehmen wir mal an, die Patientin reagiert irgendwie darauf, es kommt raus, dass ein Placebo gegeben wurde, könnte es da zu rechtlichen Entwicklungen kommen?

    Anise

    18. Oktober 2010 at 12:37

  6. Ärzte und Placebos.. man sollte sie so weit wie möglich von allem was nach medikament aussieht fernahlten….
    Placebos wirken dann am besten wenn sie TEUER aussehen, Kalle hat ein was richtig gemacht er hat es gruselig aussehen lassen. -_- fragt den Krankenhausapothker mal über Placebos aus ….

    nanovim

    18. Oktober 2010 at 17:48

  7. Wer mag kann sich ja mal mit NLP beschäftigen. Damit könnte man den Placeboeinsatz dann voll perfektionieren.

    hakene

    18. Oktober 2010 at 17:48

  8. Der placeboeffekt verstärkt sich wahrscheinlich auch dadurch, dass es von nem Doktor angehängt wird!!!

    Sylvia

    18. Oktober 2010 at 18:04

  9. Und? Hat das Wundermittel schon gewirkt?

    Mr. Gaunt

    18. Oktober 2010 at 20:32

  10. @Anise
    Hä? Wie soll man auf eine Überdosis Placebos ungünstig reagieren?
    In diesem Fall wurden Vitamine benutzt, die im schlimmsten Fall ganz normal verstoffwechselt werden?

    Abmahner

    18. Oktober 2010 at 20:44

  11. loooool
    Das ist ja fast so nett wie das selbst massierende 😉 Massageöl, das ein ehemaliger Kollege mal gebracht hat.
    „der hat einer chron. Schmerzpatientin auch mal von dem Hightech Öl aus den USA vorgeschwärmt und ihr von Erwärmungen und verstärktem Muskelkater erzählt, und was will man sagen sie war das erste mal überzeugt, weniger Schmerzen zu haben.“

    aga80

    18. Oktober 2010 at 21:30

  12. @Abmahner Der Witz an Placebos ist, dass man sowohl die heilende Wirkung als auch Nebenwirkungen hervorrufen kann. Man muss es nur dementsprechend suggerieren. Wenn Kalle sagt „Da wird Ihnen aber erst einmal ganz furchtbar übel, was nicht schlimm ist, weil es nur so hilft“, dann wird dem Patient vermutlich übel werden. Der Effekt tritt doch auch bei Beipackzetteln auf, wenn man sich die wirklich seltenen Nebenwirkungen zu stark zu Gemüte führt.
    Wirklich passieren kann mit einem Vitamincocktail natürlich nichts. Aber Anise hat schon recht, was passiert, wenn die Patientin sich unerwünschte Wirkungen einbildet und sich dann beschwert?

    Eva__R

    18. Oktober 2010 at 21:52

  13. Placebos sind echt interessant
    Sie können aber auch schaden, wenn man nur fest genug dran glaubt:
    http://portal.gmx.net/de/themen/gesundheit/krankheiten/9184766-Die-dunkle-Seite-unwirksamer-Pillen.html

    o2junkie

    19. Oktober 2010 at 07:57

  14. Man kann auch auf die Infusion an sich reagieren, nicht unbedingt auf das Mittel. Der Arm schwillt an z.B., es bilden sich riesige blaue Flecken. Wenn dann nachgefragt wird, die Patientin Schmerzen hat und sich herausstellt, dass die Behandlung unnötig gewesen wäre, dann würde mich interessieren, ob das Folgen haben könnte.

    Anise

    19. Oktober 2010 at 13:10

  15. mit einem Vitamincocktail kann nichts passieren? Und was ist mit all den bösen Vitamincocktails, die man überall kaufen kann – für gegen Haarausfall usw.? Hat nicht letztens das BfR vor Vitaminpillen und Co. gewarnt? Insofern wärs gar kein Placebo mehr… Also ich wär da vorsichtig…;-)

    Naschbaer

    21. Oktober 2010 at 08:58

  16. Ok im ersten Semeseter Pharmazie Studium lernt man folgendes:

    Schmerzen sind durch Placebos gut behandelbar (10-15%)(theoretisch auch durch Sport SOLANGE das betreffende Organ nicht schmerzhaft benutzt werden muss) weil durch den GLAUBEN an das Mittel Endorphine ausgeschüttet werden, die wirken wie Morphin. Naja eigentlich ahmt morphin die Wirkung der Endorphine (und Co., gibt ne ganze Reihe körpereigener Opiode) nach. Sport schüttet auch Endorphine aus.

    Bei Psychopharmaka behandeln Placebos auch mal 30-50%.

    sonst siehe Hypervitaminose, bei Vitamin C können bei starker Überdosierung und Disposition Nierenprobleme auftreten.

    nanovim

    21. Oktober 2010 at 22:01

  17. bin mal gespannt ob es geholfen hat 😉

    ichbinines

    24. Oktober 2010 at 01:47


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